Beschwichtigungssignale – im englischen Original Calming Signals – gehören zu den Begriffen, die in den letzten zwanzig Jahren das Bild des Hundes in unserer Gesellschaft verändert haben. Plötzlich war klar: Hunde reden. Nicht laut, nicht in Worten, sondern in feinen Gesten – einem Wegdrehen des Kopfes, einem Blinzeln, einem Zungenschnalzen über die Nase, einem Bogen, der eine andere Hund-Begegnung umgeht. Wer das einmal gesehen hat, sieht seinen Hund anders.
Wir bei Vitomalia begegnen dem Begriff jeden Tag – in Beratungen, in Kursen, in Kommentaren unter Reels. Und wir merken: Es gibt kaum ein Konzept, das gleichzeitig so viel Gutes und so viel Verwirrung gestiftet hat wie dieses. Deshalb wollen wir uns mit der nötigen Sorgfalt ansehen, was Calming Signals leisten können, wo sie an ihre Grenzen stoßen und was die aktuelle Verhaltensforschung dazu sagt.
Was Turid Rugaas eigentlich beobachtet hat
Die norwegische Hundetrainerin Turid Rugaas hat in den 1980er- und 1990er-Jahren systematisch Hunde in unterschiedlichen Situationen beobachtet. Aus diesen Beobachtungen entstand 1997 ihr Buch On Talking Terms with Dogs: Calming Signals, das 2006 in überarbeiteter Form neu erschien. Rugaas beschrieb darin rund dreißig Gesten, die sie immer wieder in Konfliktsituationen sah: Kopf abwenden, Augen zukneifen, Gähnen, langsames Gehen, Bogen laufen, Sitzen, Hinlegen, Schnüffeln, Über-die-Nase-Lecken, Pfote heben.
Ihre Kernthese: Diese Signale dienen der Deeskalation. Hunde nutzen sie, um sich selbst zu beruhigen, Spannung in einer Begegnung herauszunehmen oder einen Konflikt gar nicht erst entstehen zu lassen. Rugaas' Verdienst liegt darin, Hundehaltern und Trainern überhaupt erst beigebracht zu haben, dass es diese leise Ebene gibt. Wer vorher nur auf Knurren und Bellen reagiert hat, war fast zwangsläufig zu spät dran.
Warum dieser Perspektivwechsel so wichtig war
In einer Hundewelt, die jahrzehntelang vor allem über Dominanz, Gehorsam und Rangordnung gedacht wurde, war Rugaas' Ansatz fast revolutionär. Plötzlich rückte die Frage in den Vordergrund: Was sagt der Hund eigentlich, bevor er „nicht funktioniert“? Diese Verschiebung – weg vom Korrigieren von Endverhalten, hin zum Lesen von Vorzeichen – hat das moderne Hundetraining stark geprägt.
Vito ist ein Hund, dessen Mimik wir mittlerweile lesen wie ein vertrautes Buch. Wenn er bei der Begegnung mit einem fremden Rüden den Kopf eine Spur zur Seite dreht und kurz blinzelt, wissen wir: Er regelt das selbst, wir müssen nicht eingreifen. Genau dieses Vertrauen in den eigenen Hund wäre ohne den durch Rugaas angestoßenen Blick wahrscheinlich nicht entstanden. Insofern: Ja, das Konzept hat uns als Hundewelt voran gebracht.
Was die Forschung heute sagt – und was nicht
Wenn man Rugaas' Beobachtungen aber als wissenschaftliche Theorie betrachtet, wird es differenzierter. Die Verhaltensforschung der letzten zwei Jahrzehnte hat einzelne Aspekte bestätigt, andere relativiert und einige offene Fragen aufgeworfen. Hier lohnt der ehrliche Blick.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Mariti et al. zeigen, dass es ein Repertoire an Spannungs-, Stress- und Beschwichtigungsverhalten gibt – aber die saubere wissenschaftliche Sprache spricht hier von Wahrscheinlichkeiten, nicht von festen Bedeutungen. Ein Hund, der die Schnauze leckt, kann Stress signalisieren. Er kann aber auch gerade gefressen oder Geruch verarbeitet haben.
Kommunikation ist mehrkanalig
Eine zweite wichtige Linie der Forschung kommt von Marcello Siniscalchi und seinem Team. In einem viel zitierten Review in Animals (2018) beschreiben sie, dass Hundekommunikation auf mindestens vier Kanälen gleichzeitig läuft: visuell (Körperhaltung, Mimik, Rute), akustisch (Bellen, Knurren, Winseln), olfaktorisch (Geruch, Pheromone) und taktil. Die Autoren betonen, dass jedes einzelne Signal nur im Zusammenspiel mit den anderen Kanälen sinnvoll interpretierbar ist.
Genau hier liegt eine der Schwächen vieler vereinfachter Calming-Signals-Anleitungen: Sie reduzieren ein komplexes, mehrkanaliges System auf einen Katalog isolierter Gesten. Der Hund wird so behandelt, als hätte er ein Vokabular wie eine Gebärdensprache – mit klaren Wort-Bedeutungen. Das wird der Realität nicht gerecht.
Was Beerda und Bradshaw beigetragen haben
Bonne Beerda und ihre Arbeitsgruppe haben bereits in den 1990er-Jahren begonnen, Stress bei Hunden physiologisch zu messen – über Cortisol im Speichel, Herzfrequenz, Verhalten unter standardisierten Belastungen. Aus diesen Studien stammt der heute breit anerkannte Befund, dass bestimmte Verhaltensweisen – häufiges Lecken, Pfote heben, Körper schütteln, Hecheln ohne Wärmebelastung – mit erhöhten Stressparametern korrelieren. Das ist der physiologische Anker, der einigen Calming-Signals-Beobachtungen Substanz gibt.
John Bradshaw, langjährig an der University of Bristol, hat in seinen Arbeiten zur Hund-Mensch-Beziehung immer wieder betont: Hundekommunikation ist nicht regelhaft wie eine Sprache, sondern stark kontextabhängig und individuell. Ein und derselbe Hund kann in zwei sehr ähnlichen Situationen unterschiedlich reagieren – abhängig von Vorerfahrung, Tagesform, Beziehung zum Gegenüber. Bradshaw warnt davor, Körpersprache als deterministisches System zu lesen.
Wo die Forschung Lücken hat
So wertvoll diese Befunde sind: Eine systematische, replizierte Studie, die Rugaas' Originalkatalog von etwa dreißig Signalen exakt überprüft, gibt es bis heute nicht. Einzelne Gesten – Lecken, Wegdrehen, Bogen – sind gut beforscht. Andere – etwa das „Sich-zwischen-zwei-Hunde-Stellen“ (Splitting) – beruhen weiterhin überwiegend auf Beobachtungswissen. Das ist nicht falsch, aber es ist kein abgeschlossenes wissenschaftliches Gebäude. Wer das Konzept verkauft, als sei jede einzelne Geste empirisch validiert, geht zu weit.
Wo Überinterpretation beginnt
Genau hier liegt unser Hauptanliegen in der täglichen Beratung: Calming Signals werden in der Praxis oft zu starr angewandt. Wir sehen Hundehalter, die jedes Lecken über die Nase als Stress lesen. Jedes Wegdrehen als Beschwichtigung. Jedes Gähnen als Überforderung. Das Ergebnis ist nicht selten ein dauerängstlicher Halter, der seinen Hund permanent „retten“ will – und dabei Trainingssituationen abbricht, in denen der Hund eigentlich völlig souverän war.
Ein Hund kann schnüffeln, weil er Informationen aufnimmt. Er kann schnüffeln, um sich aus sozialem Druck zu nehmen. Er kann schnüffeln, weil dort schlicht etwas Spannendes riecht. Ohne den Kontext – Situation, Distanz, Auslöser, Vorgeschichte, Körperspannung im Rest des Körpers – ist die einzelne Geste zu wenig.
Warum Kontext alles verändert
Ein Beispiel aus unserem Alltag: Amalia, unsere American Pit Bull Terrier-Hündin, leckt sich oft die Schnauze, wenn sie konzentriert arbeitet. Im klassischen Calming-Signals-Katalog wäre das Stress. Tatsächlich ist es bei ihr ein Konzentrationsverhalten – sie macht es beim Suchspiel genauso wie bei ruhigen Kau-Sessions. Würden wir das Verhalten als Stress lesen, würden wir genau die Situationen unterbrechen, die ihr offensichtlich gut tun.
Vito dagegen, gleicher Rasse-Typ, gleiche Familie, zeigt Spannung ganz anders: Er wird sehr still, fixiert kurz, die Lefzen werden hauchdünn angespannt. Das Schnauzenlecken kommt bei ihm fast nie als Stresssignal vor. Zwei Hunde derselben Rassegruppe, mit teilweise überlappenden Genen – und doch völlig unterschiedliche Sprache. Das ist kein Sonderfall, sondern die Regel.
Was das für die Praxis bedeutet
Wir arbeiten in unserer Beratungspraxis – vor allem mit Listenhunden, deren Halter ohnehin oft unter Beobachtungsdruck stehen – mit einem Prinzip, das wir Mustererkennung im Kontext nennen. Statt einer Tabelle „Signal X = Bedeutung Y“ schauen wir auf vier Ebenen gleichzeitig.
Erstens: die Grundstimmung des Hundes in dieser Situation. Locker, aufgerichtet, weich? Oder angespannt, klein gemacht, eingefroren? Zweitens: Verlauf – nimmt die Spannung zu, ab oder bleibt sie gleich? Drittens: Auslöser – was passiert in der Umwelt gerade? Viertens: Individuelle Sprache – wie zeigt genau dieser Hund Stress, wie zeigt er Konzentration, wie zeigt er Freude? Erst aus diesem Gesamtbild wird eine einzelne Geste interpretierbar.
Frühwarnsignale beachten – ohne sie zu überladen
Trotz aller Differenzierung bleibt das übergeordnete Prinzip richtig und wichtig: Hunde frühzeitig lesen, Vorzeichen ernst nehmen, nicht erst auf das laute Verhalten warten. Wer seinen Hund kennt und seine individuellen leisen Zeichen wahrnimmt, kann viele Eskalationen verhindern, bevor sie entstehen. Das ist der bleibende Wert von Rugaas' Arbeit.
Gleichzeitig gilt: Diese Sensibilität soll Handlungsspielraum schaffen, keine Angst. Ein Halter, der seinen Hund liest und versteht, wird ruhiger – nicht ängstlicher. Wenn das Konzept im Alltag dazu führt, dass jemand seinen Hund nur noch durch die Linse möglicher Stresssignale wahrnimmt, ist etwas in der Anwendung schiefgegangen.
Unser Vitomalia-Fazit
Calming Signals sind für uns ein Türöffner, kein Lexikon. Turid Rugaas hat einer ganzen Generation von Hundehaltern gezeigt, dass Hunde leise reden – und dass es sich lohnt, hinzuhören. Dieser Verdienst bleibt, unabhängig davon, wie viele Einzelgesten heute wissenschaftlich exakt validiert sind.
Gleichzeitig sehen wir die Grenzen: Das Konzept funktioniert nicht als starres Symbol-Mapping. Die Forschung – von Mariti über Siniscalchi bis Bradshaw und Beerda – zeigt deutlich, dass Hundekommunikation mehrkanalig, kontextabhängig und individuell variabel ist. Eine Geste hat selten eine einzige Bedeutung; sie hat eine wahrscheinliche Funktion innerhalb eines Gesamtbildes.
Für unsere Arbeit mit Vito, Amalia und den Hunden in unserer Beratung heißt das: Wir nutzen das Vokabular der Calming Signals als Beobachtungshilfe, nicht als Übersetzungsmaschine. Wir trainieren Halter darin, ihren konkreten Hund zu lesen – nicht „den Hund“ aus einem Buch. Und wir bleiben skeptisch gegenüber jeder Quelle, die behauptet, Hundekörpersprache lasse sich in eine Tabelle pressen.
Wer Hunde wirklich verstehen will, kommt um geduldige, individuelle Mustererkennung nicht herum. Calming Signals können den Blick schärfen – sie ersetzen aber nicht das, was am Ende zählt: die Beziehung zu genau diesem einen Hund vor uns.



